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Wenn Zentralbanken ihre Unabhängigkeit verlieren

Die Unabhängigkeit der US-Notenbank steht zunehmend unter Druck. Politische Einflussnahme, hohe Staatsverschuldung und ein schwächerer Dollar stellen die geldpolitische Handlungsfähigkeit der Fed infrage. Erfahren Sie, warum dies weit über die USA hinausreicht und was dies für die Anlagestrategie bedeutet. 

8 Min.

Unabhängigkeit der Fed in Gefahr

Die US-Zentralbank wurde 1913 vom Kongress als institutionell unabhängige Instanz errichtet, deren Entscheidungen frei von politischem Einfluss und ausschliesslich dem öffentlichen Interesse verpflichtet sein sollten. Mit dem Humphrey-Hawkins Act von 1978 wurde dieses Selbstverständnis durch das duale Mandat – Sicherung der Preisstabilität und Förderung maximaler Beschäftigung – gesetzlich präzisiert. Zwar ist die Fed in der Umsetzung ihrer Politik unabhängig, ihre Ziele sind jedoch klar durch den Gesetzgeber geregelt.

 

Dieses institutionelle Gleichgewicht gerät zunehmend unter Druck. Unter Donald Trump wurde die geldpolitische Unabhängigkeit der Fed offen infrage gestellt und durch öffentliche Einflussnahme gezielt beeinträchtigt. Damit steht nicht nur die Autonomie der US-Notenbank zur Disposition, sondern ein zentrales Element moderner Geldpolitik mit potenziell weitreichenden Folgen für die Finanzmärkte und die globale Wirtschaftsordnung. 

 

Zugleich haben sich die USA von der regelbasierten Weltordnung, die sie nach dem Zweiten Weltkrieg selbst etabliert haben, faktisch entfernt – eine Entwicklung, die über einzelne Präsidentschaften hinausweisen wird. Hierzu findet der Premierminister von Kanada, Mark Carney, die folgenden Worte: «Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkehren wird. Wir sollten sie nicht betrauern. Nostalgie ist keine Strategie.»

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Das duale Mandat der Fed

Die Fed verfolgt gemäss ihrem Mandat die Ziele der Preisstabilität und der maximalen Beschäftigung. Preisstabilität erreicht sie, indem sie langfristig eine Inflation von rund zwei Prozent anstrebt. Durch die Anpassung der Leitzinsen beeinflusst die Fed die Finanzierungskosten und damit die Kreditvergabe, welche wiederum auf den Konsum sowie die Investitionstätigkeit einwirkt. Maximale Beschäftigung ist hingegen kein fixer Zielwert, sondern hängt von den strukturellen Bedingungen der Wirtschaft und ihrer allgemeinen Wachstumsdynamik ab.

 

Zur Umsetzung ihres Mandats nutzt die Fed ein abgestuftes Instrumentarium. Zentrales geldpolitisches Steuerungsinstrument ist der Leitzins, dessen Zielspanne vom Offenmarktausschuss (FOMC) festgelegt wird. Ergänzend steuert die Fed über Offenmarktgeschäfte die Liquidität im Bankensystem und beeinflusst über ihre Bilanzpolitik – durch Ausweitung oder Reduktion der Bilanz – langfristige Zinsen, Finanzierungsbedingungen und die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer.

Schleichende Aushöhlung der Autonomie der Fed

Donald Trump versuchte wiederholt, in die Verantwortlichkeiten der Fed einzugreifen, ohne ihre formale Unabhängigkeit direkt aufheben zu können. Zentrales Mittel war öffentlicher Druck: über Reden, Interviews und soziale Medien forderte er niedrigere Zinsen und stellte Zinssenkungen als notwendige Massnahme dar. Gleichzeitig verknüpfte er geldpolitische Forderungen explizit mit Börsenentwicklung, Wirtschaftswachstum und internationaler Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere gegenüber China. Damit wurde Geldpolitik faktisch in den Dienst kurzfristiger wirtschafts- und wahlpolitischer Ziele gestellt. 

 

Hinzu kamen Versuche, über Personalfragen Einfluss zu nehmen, einschliesslich der Berufung auf präsidiale Absetzungsrechte gegenüber führenden Fed-Vertretern. Auch ohne direkte Weisungsbefugnis beschädigten diese Massnahmen die institutionelle Glaubwürdigkeit der Zentralbank. Die jüngste Meldung über eine vom Justizministerium eingeleitete strafrechtliche Untersuchung gegen Jerome Powell hat die Spannungen zwischen der Fed und dem Weissen Haus weiter erhöht.

Wenn das Vertrauen schwindet

Ein nachhaltiger Vertrauensverlust in die Fed hätte erhebliche Konsequenzen. Andere Staaten könnten ihre Währungsreserven stärker diversifizieren, was die Nachfrage nach US-Staatsanleihen senken und die Finanzierungskosten der US-Staatsverschuldung erhöhen würde. Dieses Szenario ist in der Tat bereits Realität und diverse Staaten haben ihre Währungsreserven in den letzten Jahren zu Lasten des US-Dollars diversifiziert. 

 

In China lässt sich dies anschaulich beobachten. Noch vor wenigen Jahren hatte die People’s Bank of China (PBoC) amerikanische Staatsanleihen von rund 1.1 Billionen US-Dollar. Aktuell belaufen sich diese gemäss offiziellen Daten noch auf 668 Milliarden US-Dollar. Eine weitere Entwicklung ist der massive Ausbau des Goldbestands diverser Staaten, welcher dem gelben Edelmetall zu einem enormen Kursanstieg verholfen hat. Allein im Jahr 2025 haben Zentralbanken 863 Tonnen zugekauft. Viele Staaten sind nicht mehr bereit, die hohen Schulden der USA zu finanzieren und wenden sich bewusst Alternativen zu.

 

Die Auswirkung dieses Abwendens vom US-Dollar als Währungsreserve ist ein schwächerer Dollar, der wiederum Importe verteuert und den Inflationsdruck erhöht. Da ein Grossteil des globalen Handels und der internationalen Verschuldung in US-Dollar denominiert ist, drohen zudem Instabilitäten im internationalen Finanzsystem. Schliesslich würde auch die geopolitische Machtbasis der USA erodieren, die wesentlich auf der Dominanz des US-Dollars beruht.

Vorerst zählt Umsicht anstatt Kapitulation

Der im Januar getroffene Entscheid der Fed, die Zinsspanne vorerst bei 3.5 bis 3.75% zu belassen und eine Verschnaufpause im Zinssenkungsprozess einzulegen, signalisiert, dass die Mehrheit des Offenmarktausschusses vorerst keinen Handlungsdrang sieht und sich in einem politisch angespannten Umfeld für eine umsichtige Geldpolitik entscheidet. Eine Anpassung der Zinssätze wird von den Märkten frühstens Mitte Juni erwartet und hängt mitunter von der Wahl der Nachfolge von Powell am 15. Mai ab. Trump hat den Ökonom Kevin Warsh nominiert, jedoch benötigt dieser noch die Zustimmung des Senats, wo sich eine Blockade abzeichnen könnte. 

 

Warsh gilt als zinspolitischer Falke und kritisiert die massive Fed-Bilanz von 6.6 Billionen US-Dollar. Sein Fokus könnte jedoch darauf beruhen, Senkungen des Leitzinses bei gleichzeitig fortgesetztem Abbau der Fed-Bilanz anzustreben. Dies würde bedeuten, dass die Notenbank die Zinsen am kurzfristigen Ende senken wird, was der «Main Street» – sprich den US-Konsumenten und Unternehmen – zugutekäme und weniger der «Wall Street». Dies wäre im Sinne von Trump, auch wenn die Zinssenkungen unter Warsh weniger scharf ausfallen dürften, als bis anhin von den Finanzmärkten für 2026 erhofft.

 

In Zeiten globaler Unsicherheit gewinnt eine gut gewählte Anlagestrategie zunehmend an Bedeutung. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie wir unsere Anlagen auf eine Welt ausrichten, die stets unvorhersehbarer ist und in welcher Versprechen der mächtigsten Personen der Welt ihre Verbindlichkeit verlieren, sprechen Sie Ihre Kundenberaterin oder Ihren Kundenberater gerne an.

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Chantal Flach

Kundenberaterin Basel

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