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Öl, Politik und Software: Was die Märkte gerade neu bewertet

Trotz der belastenden Lage im Nahen Osten und steigender Energiepreise liegt der Fokus anderswo: KI stellt den Softwaresektor auf den Kopf, und politische Eingriffe beeinflussen die Märkte stärker denn je. Wir zeigen, was dieser strukturelle Wandel für die Positionierung bedeutet.

12 Min.

Krieg im Nahen Osten

Der Konflikt im Nahen Osten bleibt äusserst intensiv und ein baldiges Ende ist aus unserer Sicht derzeit kaum absehbar. Mit der Wahl von Modschtaba Chamenei zum neuen Obersten Führer der Islamischen Republik und Nachfolger seines am ersten Kriegstag getöteten Vaters – Ajatollah Ali Chamenei – scheinen die Hardliner im Iran weiterhin klar die Oberhand zu haben. 

 

Die jüngsten amerikanisch-israelischen Luftangriffe zeigen jedoch deutlich, dass die militärischen Möglichkeiten Irans eingeschränkt bleiben und seine Verbündeten in der Region geschwächt wirken. Die Angriffe auf friedlich gesinnte Nachbarländer werden zunehmend als Akt der Verzweiflung gewertet. Gleichzeitig ist ein rascher Sturz des iranischen Regimes – trotz sichtbarer Schwächen – ebenso wenig realistisch.

 

Wirtschaftlich dürften die direkten globalen Auswirkungen überschaubar bleiben. Der Iran trägt weniger als ein Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei und die wirtschaftlichen wie finanziellen Verflechtungen mit westlichen Industrieländern sind sehr gering. Zu den wichtigsten Handelspartnern Irans gehörten in den vergangenen Jahren insbesondere China, Indien und die Türkei.

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Strasse von Hormus treibt Energiepreise

Für die Finanzmärkte von grösserer Bedeutung ist die Strasse von Hormus. Eine länger anhaltende Sperrung dieser für den globalen Energiehandel zentralen Wasserstrasse durch den Iran würde zwangsläufig zu deutlich höheren Öl- und Gaspreisen führen. Zwar sollen erste Tanker die Passage bereits wieder durchqueren, doch der Iran hat angekündigt, jedes feindliche Schiff anzugreifen, das die Durchfahrt wagt und hat zudem mit einer Verminung der Strasse gedroht.

 

Entsprechend ist die Zahl der täglichen Durchfahrten von früher 50 bis 70 Tankschiffen auf gerade noch 0 bis 1 Schiff pro Tag eingebrochen. Die zentrale Frage für die Märkte lautet also, wie lange diese Blockade – und damit der Konflikt selbst – anhalten wird. Jede Verlängerung des Konflikts erhöht die Wahrscheinlichkeit langfristig höherer Energiepreise. 

Droht eine Stagflation?

Die jüngsten Kriegsentwicklungen haben zu einem deutlichen Anstieg der Inflationserwartungen geführt – insbesondere in Europa. Da Europa stärker vom Import fossiler Energien abhängig ist als die USA, reagiert der europäische Markt sensibler auf steigende Energiepreise. Die USA verfügen dank ihrer Schieferöl- und Schiefergasproduktion über eine wesentlich höhere Energieunabhängigkeit, weshalb die dortigen Inflationserwartungen bisher verhaltener angestiegen sind.

 

Mit zunehmender Dauer des Konflikts wächst allerdings auch die Sorge vor einem Stagflationsszenario: Höhere Energiepreise könnten die Inflation weiter antreiben und gleichzeitig auf das globale Wirtschaftswachstum drücken. Dies sind zumindest die Befürchtungen des Marktes. Wir gehen weiterhin von einem zeitlich begrenzten Konflikt aus und damit nicht von strukturell höheren Energiepreisen. Gleichzeitig ist zu betonen, dass die Weltwirtschaft heute weniger ölabhängig ist als noch vor einigen Jahrzehnten, was gewisse dämpfende Effekte mit sich bringt. 

Sind Leitzinssenkungen noch realistisch?

Die jüngsten Marktbewegungen haben zu einer deutlichen Verschiebung und zunehmenden Divergenz der Leitzinserwartungen geführt. In den USA rechnet der Markt aufgrund der gestiegenen geopolitischen Unsicherheiten sowie der höheren Energiepreise mittlerweile nicht mehr mit Zinssenkungen im laufenden Jahr 2026. Dies, obwohl die jüngsten geldpolitischen Projektionen der Fed weiterhin eine Leitzinssenkung signalisieren. Es ist nun aber klar ersichtlich, dass ein mögliches Stagflationsszenario im Zuge des Nahostkonflikts die zuvor höheren Erwartungen an geldpolitische Lockerungen weitgehend neutralisiert hat.


In Europa zeigt sich ein noch akzentuierteres Bild: Der Markt hatte zwar keine Zinssenkungen erwartet, ging bislang jedoch von stabilen Leitzinsen aus. Nun werden für 2026 bereits zwei Zinserhöhungen um jeweils 0,25% eingepreist. Diese Entwicklung reflektiert die deutlich gestiegenen Inflationserwartungen in Europa, die vor allem auf den höheren Energiepreisen beruhen.

 

Die Schweiz nimmt eine besondere Position ein. Die starke Währung, die anhaltenden Unsicherheiten im Zollkonflikt mit den USA sowie die strukturell sehr tiefe Inflationsrate würden eigentlich für eine lockerere Geldpolitik sprechen. Gleichzeitig erhöhen die gestiegenen Energiepreise das Risiko eines erneuten Inflationsanstiegs. Vor diesem Hintergrund dürften erneute Negativzinsen in absehbarer Zeit kaum ein Thema sein. Obwohl die SNB im aktuellen Umfeld keine Leitzinserhöhungen erwartet, beginnt der Markt aufgrund der Befürchtung anhaltend hoher Energiepreise eine mögliche Zinserhöhung bis Ende Jahr einzupreisen.

Software im KI‑Gegenwind

Der aktuelle Marktdruck auf Softwarefirmen mit Software‑as‑a‑Service‑Modellen (SaaS) zeigt, dass die Erwartungen im Zuge des KI‑Umbruchs neu ausgerichtet werden. Gleichzeitig verdeutlichen die raschen Fortschritte der Künstlichen Intelligenz, dass zentrale Dienstleistungen – etwa in Recht, Buchhaltung oder Marketing – zunehmend eigenständig und ohne grosse Anbindung an etablierte Softwarelösungen erbracht werden können. Damit steigt die Sorge, dass spezialisierte Softwareangebote an Bedeutung verlieren oder in einzelnen Bereichen sogar vollständig durch KI ersetzt werden könnten.

 

Zudem befürchten Investoren, dass die Wechselkosten zwischen Softwareanbietern deutlich sinken könnten, da KI grosse Teile des bisher aufwendigen Migrationsprozesses automatisiert. Dadurch geraten die traditionell hoch eingeschätzten Wettbewerbsvorteile und «Burggräben» vieler SaaS-Geschäftsmodelle unter Druck, was eine Neubewertung der künftigen Gewinnperspektiven notwendig macht.

 

In der ersten Marktreaktion wurden jedoch fast alle Softwareunternehmen abgestraft – unabhängig von Geschäftsmodell, Qualität oder tatsächlicher KI‑
Exponierung. Tatsächlich verfügen einige Softwarefirmen weiterhin über robuste Geschäftsmodelle, stabile Nachfrage und hohe Kundenbindung. Entsprechend gibt es Bereiche, die trotz der breiten Korrektur vom aktuellen KI‑Investitionszyklus profitieren können – etwa Cybersecurity, Infrastruktur‑Software oder spezialisierte Industriesoftware. Gerade diese Segmente haben das Potenzial, langfristig zu den Gewinnern der massiven Kapitalinvestitionen in KI‑Infrastruktur zu zählen. Zudem können viele dieser Unternehmen durch den Einsatz von KI‑Modellen signifikante Effizienzgewinne auf der Kostenseite realisieren.

 

Die Korrektur im SaaS‑Bereich hat zudem ein Risiko verstärkt, auf das wir bereits in unserem Anlageausblick vom November 2025 hingewiesen haben: den erhöhten Druck auf den «Private Debt» Sektor, oftmals als Schattenbankensystem bezeichnet. Viele SaaS‑Unternehmen befinden sich mittlerweile in privater Hand. Der gesamte «Private Debt» Sektor ist durch eine hohe Fremdfinanzierung und teilweise komplexe Finanzierungsstrukturen geprägt, welche die Transparenz erschweren, versteckte Bilanzschulden begünstigen und die tatsächliche Verschuldung für Investoren nur schwer einschätzbar machen. In Kombination mit der KI‑bedingten Neubewertung sind die Risiken im «Private Debt» Bereich damit noch einmal klar gestiegen.

Positionierung im Baumann Portfolio

Bislang vertraten wir die Ansicht, dass politische Börsen stets kurze Beine haben. Die jüngsten Entwicklungen zeigen jedoch eine umfassende und strategische politische Einflussnahme, die weit über kurzfristige Ereignisse hinausgeht und unsere Einschätzung grundlegend verändert. Gemeint sind strukturelle Verschiebungen wie die Abkehr der USA von einer regelbasierten Weltordnung oder die gezielte Politisierung von Handels‑, Technologie‑ und Sicherheitsfragen. Solche Weichenstellungen können langfristige Markttrends erheblich beeinflussen und beschleunigen. Anlegerinnen und Anleger sollten solche politischen Entwicklungen daher nicht mehr als blosse Begleitgeräusche betrachten, sondern als potenzielle Faktoren mit tiefgreifenden Auswirkungen.

 

Im Baumann Portfolio haben wir uns im Verlauf des ersten Quartals dazu entschlossen, die Position im responsAbility Leaders Fund vollständig zu verkaufen. Ausschlaggebend dafür ist unsere Einschätzung, dass die künftig zu erwartende Rendite in Schweizer Franken deutlich unter unserer angestrebten Zielrendite für das Baumann Portfolio liegt. Gleichzeitig eröffnet uns dieser Schritt die Möglichkeit, im Kontext der beschriebenen strukturellen Veränderungen gezieltere Positionen aufzubauen – auch wenn wir uns gegenwärtig noch mit den genauen Auswirkungen dieser Fragestellung auseinandersetzen.

 

Daniel O.A. Rüedi, Teilhaber

Tom Steiner, Leiter Kompetenzzentrum Anlagen

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