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Warum längere Börsenzeiten Privatanleger eher ablenken

Die Börse wird immer verfügbarer. Was zunächst nach mehr Chancen für Privatanleger klingt, birgt ein oft unterschätztes Risiko. Der nachfolgende Beitrag beleuchtet, wie sich diese Entwicklungen auf Anlageentscheidungen auswirken und warum es sich lohnt, den Fokus weg vom kurzfristigen Marktgeschehen zu lenken.

8 Min.

Mehr handeln, besser investieren?

Die Börse wird immer schneller und immer verfügbarer. Was früher auf einige Handelsstunden pro Tag beschränkt war, dehnt sich zunehmend aus. Die Schweizer Börse SIX etwa bietet seit dem 1. Dezember 2025 neue Handelszeiten von 08:00 Uhr bis 21:45 Uhr für Strukturierte Produkte an, um flexibler auf Marktentwicklungen insbesondere in den US-Märkten reagieren zu können. Für Privatanlegerinnen und Privatanleger klingt dies zunächst nach einem Vorteil. 

 

Mehr Zeit zum Handeln bedeutet vermeintlich mehr Möglichkeiten und Chancen. Doch genau hier liegt ein oft unterschätztes Risiko. Mehr Verfügbarkeit führt nicht automatisch zu besseren Anlageentscheidungen. Im Gegenteil: Wer jederzeit reagieren kann, fühlt sich auch öfters dazu verleitet, genau das tun zu müssen. Man handelt emotional und spontan, statt überlegt und mit klarer Strategie.

Handeln unter Stress

Aus Sicht der Marktstruktur und der grossen Marktteilnehmer haben erweiterte Handelszeiten durchaus ihre Berechtigung. Institutionelle Investoren können schneller auf neue Entwicklungen reagieren, globale Märkte rücken näher zusammen und Informationen werden rascher in die Preise eingearbeitet. 

 

Für Privatanleger verändert sich jedoch vor allem eines: der Stressfaktor steigt. Denn wenn der Markt praktisch immer offen ist, entsteht schnell eine erhöhte Unruhe. Wer sich bereits mit dem Handel von Kryptowährungen – welcher rund um die Uhr läuft – beschäftigt hat, kann bestätigen, dass die Nervosität steigt. Kursschwankungen fühlen sich direkter an, man reagiert sofort und trifft damit oft nicht die bessere Entscheidung. 

 

Nachrichten am Abend aus Übersee, Unternehmenszahlen nach Börsenschluss oder sich ständig verändernde geopolitische Entwicklungen während dem Wochenende erhöhen den Impuls, sofort zu handeln. Doch genau in diesen Phasen ist die Liquidität oft tiefer, die Preisbildung weniger effizient und die Volatilität höher. Das Risiko, zu ungünstigen Kursen zu handeln steigt, da die Preise in solchen Momenten oft verzerrt sind.

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Auktionsphasen gewinnen an Bedeutung

Paradox erscheint, dass trotz längerer Handelszeiten ein wachsender Teil des Umsatzes in einzelnen Schweizer Aktien nicht im fortlaufenden Handel entsteht, sondern sich in die Auktionsphasen verlagert. Viele Titel wechseln ihre Besitzer somit nicht während des laufenden Handels, sondern vielmehr gebündelt in der Eröffnungsauktion morgens um 09:00 Uhr sowie in der Schlussauktion am Ende des Handelstages zwischen 17:20 Uhr und 17:30 Uhr. In den letzten Jahren ist der Anteil des Aktienumsatzes im fortlaufenden Handel unter die Marke von 55% gefallen. Noch 2018 lag dieser Wert bei über 70%.

 

Diese Entwicklung betrifft nicht nur Schweizer Titel, sondern auch europäische Aktien, die an Börsenplätzen wie Frankfurt, Paris oder London gehandelt werden. Bei kleineren und mittelgrossen Unternehmen mit geringerer Börsenkapitalisierung können emotionale und weniger durchdachte Handelsentscheide selbst während den offiziellen Handelszeiten ungünstige Ausführungen mit sich bringen.

Verkürzung der Abwicklungsfrist

Ein weiteres viel diskutiertes Thema im Zusammenhang mit der Geschwindigkeit des Börsenplatzes ist die Umstellung vom sogenannten T+2- auf den T+1-Abwicklungszyklus. Konkret bedeutet dies, dass Wertpapiertransaktionen nicht mehr zwei Geschäftstage nach dem Handelstag (T+2), sondern bereits am darauffolgenden Geschäftstag (T+1) final abgewickelt werden. 

 

Die USA haben diesen Schritt gemeinsam mit Kanada bereits im Mai 2024 vollzogen. Voraussichtlich im Oktober 2027 wird dieser Wechsel auch in der Schweiz sowie in der Europäischen Union und im Vereinigten Königreich umgesetzt. 

 

Diese Verkürzung der Abwicklungsfrist soll die Effizienz der Märkte erhöhen, stellt Marktteilnehmer jedoch gleichzeitig vor höhere operative Anforderungen. Insbesondere Prozesse rund um das Settlement und das Liquiditätsmanagement (Treasury) müssen entsprechend beschleunigt werden.

Strategie schlägt Timing

In der Realität hat erfolgreiches Investieren nur begrenzt mit Timing zu tun. Viel entscheidender ist die langfristige Strategie eines Portfolios. Eine durchdachte Diversifikation über verschiedene Anlageklassen, Regionen und Risikofaktoren bildet die Grundlage für nachhaltigen Anlageerfolg. Die Strategie entsteht nicht in Reaktion auf kurzfristige Marktbewegungen, sondern basiert auf den individuellen Zielen, dem Anlagehorizont und der objektiven Risikofähigkeit des Privatanlegers.

 

Dies bedeutet nicht, dass aktives Handeln grundsätzlich falsch ist. In bestimmten Situationen kann es sinnvoll sein, Positionen anzupassen oder Opportunitäten zu nutzen. Wichtig ist jedoch, dass solche Entscheidungen in einen klaren, übergeordneten Rahmen eingebettet sind und nicht emotional getroffen werden.

 

Für Privatanleger ist es daher sinnvoll, sich bewusst von der steigenden Taktung der Märkte zu distanzieren. Nicht jede Kursbewegung erfordert eine Reaktion. Nicht jede Nachricht hat langfristige Relevanz. Und nicht jede zusätzliche Handelsstunde oder schnellere technische Abwicklung bringt wirklich einen Mehrwert.

V-Bewegung als bekanntes Muster

In den letzten Jahren liess sich an den Finanzmärkten ein bemerkenswertes Muster beobachten: die sogenannte V-Bewegungen. Auf eine Phase starker Verunsicherung folgte oftmals eine ebenso schnelle Erholung, teilweise innerhalb weniger Wochen. Ein prägnantes Beispiel dafür war die Covid-19-Pandemie. Nach dem massiven Kurseinbruch im Frühjahr 2020 erholten sich viele Aktienmärkte überraschend schnell und erreichten schon kurze Zeit später wieder ihre Vorkrisenniveaus. 

 

Ähnlich verlief die Entwicklung rund um den sogenannten «Liberation Day» im Jahr 2025. Die Ankündigung weitreichender Zölle löste zunächst einen deutlichen Markteinbruch aus, begleitet von Rezessionsängsten und hoher Unsicherheit. Doch auch hier folgte schneller als erwartet eine Stabilisierung und daraufhin wieder steigende Kurse. Dies ist auf der untenstehenden Abbildung des Chartverlaufs des Baumann Portfolio Fonds im 2025 ersichtlich.

 

Selbst derzeit lässt sich dieses Muster erneut beobachten. Im Zuge des militärischen Konflikts zwischen dem Iran, den USA und Israel, welcher Ende Februar 2026 begann, kam es zunächst zu spürbaren Rückschlägen an den Märkten, getrieben durch steigende Ölpreise und geopolitische Risiken. Kurz darauf setzte abermals eine kräftige Gegenbewegung ein.

Langfristig erfolgreich investieren

Am Ende bleibt eine einfache, aber oft vernachlässigte Erkenntnis: Anlageerfolg entsteht nicht durch ständiges Handeln, sondern durch konsequentes «Investiert bleiben» in einer passenden Anlagestrategie. Gerade in einem Umfeld, das immer schneller und komplexer wird, gewinnt dieser Grundsatz weiter an Bedeutung. Es lohnt sich deshalb, den Fokus regelmässig weg vom kurzfristigen Marktgeschehen und hin zur eigenen Strategie zu lenken. Entscheidend ist nicht, wann gehandelt wird, sondern wie gut die eigene Positionierung ist. 

 

Die technischen Neuerungen und schnelleren Abwicklungsprozesse behalten wir in der Handelsabteilung laufend im Blick und setzen sie gezielt dort ein, wo sie für unsere Kundschaft einen echten Mehrwert schaffen. Auf Ihrer Seite bietet es sich an, Ihre Anlagestrategie regelmässig gemeinsam mit Ihrer Kundenberaterin oder Ihrem Kundenberater bei Baumann & Cie zu überprüfen.

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