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Neue Perspektiven auf Inflation, Zinsen und Zukunftssektoren

Die geopolitische Lage deutet auf eine Entspannung hin, das makroökonomische Umfeld hat sich spürbar verändert und politische Eingriffe beeinflussen die Märkte stark. Wir zeigen, warum Inflation und Zinsen anders verlaufen als zu Jahresbeginn erwartet und weshalb Technologie und Energieinfrastruktur als strukturelle Trends an Bedeutung gewinnen.

12 Min.

Naher Osten

Im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt zeigt sich weiterhin eine volatile geopolitische Ausgangslage, die zuletzt von starken Schwankungen geprägt war. Jüngste Entwicklungen lassen jedoch eine Annäherung und eine spürbare Entspannung erkennen. Entsprechend haben die Unsicherheiten am Energiemarkt zuletzt abgenommen, bleiben jedoch vorerst bestehen und beschäftigen die Marktteilnehmenden weiterhin. 

 

Dabei wirken sich die veränderten Energiepreise bereits auf die Inflation und damit auch auf die Geldpolitik aus, ohne dass bislang klare Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung erkennbar sind.

Inflationsdruck durch Energiepreise

Die jüngsten Inflationsdaten verdeutlichen, dass sich die Preisentwicklung sowohl in Europa als auch in den USA wieder spürbar beschleunigt hat. Diese Entwicklung wurde massgeblich durch die gestiegenen Energiepreise geprägt und war weitgehend erwartet worden. In Europa ist jedoch auch die Kernteuerung zuletzt stärker ausgefallen als erwartet. Der Inflationsbericht weist zudem darauf hin, dass sich der Preisdruck vermehrt auf den Dienstleistungssektor ausweitet und damit in strukturell persistentere Komponenten verlagert. 

 

Sollten die Spannungen an den Energiemärkten anhalten, besteht das Risiko, dass sich der energiepreisbedingte Inflationsdruck auf breitere Komponenten überträgt und sich die Preisentwicklung verfestigt.

Zinserhöhungen wieder im Blick

Die Tonalität der Zentralbanken sowie die Markterwartungen hinsichtlich zukünftiger Leitzinsentscheidungen haben sich zuletzt spürbar verschoben. So preist der Markt für das Jahr 2026 in Europa mittlerweile mindestens eine weitere Zinserhöhung von 0.25 Prozentpunkten ein. Noch im vorherigen Quartal wurden für 2026 in den USA Zinssenkungen als realistisches Szenario betrachtet. Inzwischen stehen jedoch auch in den USA eher Zinserhöhungen im Fokus.
 

Damit dürfte der Zinssenkungszyklus vorerst abgeschlossen sein. Ausschlaggebend für diese Neubewertung sind die weiterhin bestehenden Inflationsrisiken, die robusten Wirtschaftsdaten aus den USA sowie ein über den Erwartungen liegender Arbeitsmarktbericht. Dadurch rückt die Inflationsentwicklung bei der US‑Notenbank wieder stärker in den Fokus. Unter dem neuen Fed‑Vorsitz von Kevin Warsh bleibt jedoch die konkrete geldpolitische Ausgestaltung vorerst abzuwarten.

Realrenditen im Fokus

Bemerkenswert ist, dass sich die mittelbis langfristigen Inflationserwartungen bislang kaum bewegt haben. In der Folge sind mit den steigenden Zinsen vor allem in den USA auch die Realrenditen angestiegen. Dabei werden reale Faktoren wie die robuste wirtschaftliche Entwicklung sowie die weiterhin steigende und damit herausfordernde Staatsverschuldung berücksichtigt. 

 

Deutlich anders präsentiert sich die Lage in der Schweiz. Hier bleibt die Inflation dank der starken Währung sowie regulatorischer Einflüsse im Energiebereich mit rund 0.5% auf moderatem Niveau. Mit einem Zielband der SNB von 0% bis 2% fehlen dem Markt aktuell die Argumente für eine Zinserhöhung. Entsprechend erwarten auch wir in diesem Jahr keine Anpassung der Leitzinsen durch die SNB. Das zentrale Instrument zur Begrenzung einer weiteren möglichen Aufwertung des Schweizer Frankens bleiben Deviseninterventionen.

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Technologie: Rückkehr des Narrativs

Nach der Konsolidierung im Softwareund Technologiesektor zu Jahresbeginn hat sich die Stimmung im Zuge der jüngsten Quartalszahlen spürbar aufgehellt. Im Monat Mai kam es aus Sektorsicht zu einer aussergewöhnlich konzentrierten Marktbewegung: Der Technologiesektor war der einzige Hauptsektor im MSCI World, der die Gesamtmarktperformance übertraf und damit die Entwicklung des Gesamtindex massgeblich prägte, während alle übrigen Sektoren relativ zur Gesamtmarktentwicklung zurückblieben. Gestützt wird diese Entwicklung durch die jüngsten Unternehmensberichte, die zeigen, dass erste Produktivitätsgewinne durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sichtbar werden. Dies verleiht dem Thema zusätzliche Substanz und stärkt das Vertrauen der Investoren in die langfristigen Wachstumsperspektiven.

 

Damit bestätigt sich unsere differenzierte Einschätzung des Softwaresektors, die wir bereits entgegen der ersten Marktreaktion vertreten hatten. Im Bereich Cybersecurity wird deutlich, dass entsprechende Geschäftsmodelle Künstliche Intelligenz nicht nur erfolgreich integrieren können, sondern teilweise direkt von deren Einsatz profitieren. Die anfänglichen Befürchtungen einer breiten Substitution spezialisierter Softwarelösungen haben sich in diesen Bereichen bislang nicht bestätigt. Vielmehr haben entsprechende Unternehmen seither eine ausgesprochen erfreuliche Kursentwicklung gezeigt.

 

Mit der Erholung sind jedoch auch die Bewertungen im Technologiesektor wieder angestiegen. Entsprechend stellt sich verstärkt die Frage, inwieweit die hohen Erwartungen bereits reflektiert sind. In diesem Kontext werden die bevorstehenden grossvolumigen Börsengänge im Technologiesektor zu einem wichtigen Gradmesser dafür, ob das Interesse der Investoren an diesem Thema weiterhin intakt ist.

 

Die technologische Transformation bleibt – im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und dem Ausbau von Datenzentren – für uns ein zentraler struktureller Trend, an dem wir weiterhin partizipieren wollen. Gleichzeitig reagiert der Technologiesektor empfindlich gegenüber makroökonomischen Verschiebungen, vor allem bei Veränderungen im Zinsumfeld. Die jüngste Marktphase im Juni hat dies erneut deutlich gemacht.

Wachsender politischer Einfluss

Die Bedeutung politischer Einflussfaktoren hat zuletzt weiter zugenommen. Strukturelle Verschiebungen im globalen Umfeld – eine stärkere Politisierung von Handels-, Technologie- und Sicherheitsfragen – prägen die Entwicklung an den Kapitalmärkten nachhaltig und verstärken bestehende Trends. Marktbewegungen werden dadurch stärker von kurzfristigen politischen Impulsen bestimmt. In der Folge entstehen ausgeprägte V‑förmige Bewegungen, bei denen auf abrupte Rückgänge oftmals rasche und teilweise sehr dynamische Erholungsphasen folgen.

Klassische makroökonomische Trends treten dabei kurzfristig in den Hintergrund. Für Anlegerinnen und Anleger erhöht sich dadurch insbesondere das Risiko taktischer Fehlentscheidungen, da die kräftigsten Marktbewegungen häufig in sehr kurzen Zeitfenstern auftreten und vor allem als rasche Erholungsphasen schwer zu antizipieren sind. Typischerweise werden gerade diese Erholungsphasen verpasst, obwohl sie einen wesentlichen Beitrag zur Gesamtperformance leisten.

 

Dies ist ein zentraler Grund, weshalb wir bewusst auf kurzfristige taktische Anpassungen verzichten und an einer langfristig ausgerichteten Positionierung festhalten. Gerade in einem solchen Marktumfeld ist es entscheidend, kontinuierlich investiert zu bleiben, um langfristig an den strukturellen Trends partizipieren zu können.

Positionierung im Baumann Portfolio

Im Zuge der strukturellen Veränderungen im Energie- und Technologiesektor haben wir Energieinfrastruktur als neues Anlagethema aufgenommen. Die Elektrifizierung sowie der Ausbau der KI‑Infrastruktur führen zu einem deutlich steigenden Strombedarf, während bestehende Netze an ihre Grenzen stossen.
 

Daraus entsteht ein mehrjähriger Investitionsbedarf, der sowohl durch strukturelle Trends als auch durch geopolitische Überlegungen zusätzlich verstärkt wird. Eine unzureichende Energieinfrastruktur kann dabei zu einem begrenzenden Faktor werden, nicht nur für den weiteren Ausbau von KI‑Anwendungen, sondern auch für das gesamtwirtschaftliche Wachstum. 

 

Der Investitionszyklus in die Energieinfrastruktur ist strukturell, langfristig und verbindet defensiven Charakter mit attraktivem Wachstumspotenzial. Er vereint Dekarbonisierung, Elektrifizierung, Digitalisierung und geopolitische Resilienz zu einem überzeugenden Anlagethema. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Positionierung im Baumann Portfolio entsprechend angepasst und die Aktienquote moderat erhöht sowie die Liquiditätsquote reduziert. Zusätzlich haben wir selektiv Gewinnmitnahmen bei unseren Halbleiterpositionen vorgenommen und diese aufgrund der guten Performance leicht reduziert. Die freigesetzten Mittel wurden gezielt in das neue Anlagethema investiert.

 

Daniel O.A. Rüedi, Teilhaber

Tom Steiner, Leiter Kompetenzzentrum Anlagen

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