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Anlagekommentar

Die Midterms und ihre Auswirkungen auf die Finanzmärkte

Politische Entscheidungen aus Washington bewegen die globalen Finanzmärkte oft stärker, als es die Fakten rechtfertigen. Warum die anstehenden US‑Zwischenwahlen für Anlegerinnen und Anleger besonders relevant sind und welche Mechanismen dahinterstehen, beleuchten wir in folgendem Anlagekommentar. 

8 Min.

Kongress USA
Strukturen und Mechanismen der US-Politik

Das politische System der Vereinigten Staaten basiert auf einer institutionalisierten Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative. Diese Struktur bildet den Kern der «Checks and Balances» und gewährleistet die gegenseitige Kontrolle staatlicher Institutionen. Ergänzt wird dieses Gefüge durch ein Zweiparteiensystem, in dem Demokraten und Republikaner die zentralen politischen Kräfte darstellen. Parallel dazu verleiht der föderale Staatsaufbau den Bundesstaaten weitreichende Autonomierechte, was die politische Entscheidungsfindung zusätzlich dezentralisiert. 

 

Innerhalb dieses institutionellen Rahmens nimmt der Präsident die Rolle des Staats‑ und Regierungschefs wahr und bildet die Spitze der Exekutive. Die Judikative ist auf Bundesebene durch den Supreme Court geprägt, der mit weitreichenden verfassungsrechtlichen Prüfungs- und Kontrollbefugnissen ausgestattet ist. Die Legislative wiederum ist im Kongress verankert, der aus Repräsentantenhaus und Senat besteht. Da ein Gesetz sowohl die Zustimmung des Senats als auch des Repräsentantenhauses erfordert, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den Kammern notwendig. Dadurch bestimmen die parteipolitischen Mehrheiten in diesen Kammern massgeblich darüber, ob die Regierung handlungsfähig ist. 

Repräsentantenhaus und Senat

Das Repräsentantenhaus bildet die bevölkerungsproportionale Kammer des Kongresses und umfasst 435 Sitze, deren Verteilung anhand der demografischen Struktur der Bundesstaaten erfolgt. Da sämtliche Sitze alle zwei Jahre erneuert werden, sind die Midterm‑Wahlen ein regelmässiger Mechanismus von Neugewichtungen der Machtverhältnisse. Zu den zentralen Kompetenzen dieser Kammer zählen das Initiativrecht für Haushaltsgesetze, wie zum Beispiel die Senkung der Einkommensteuer, und die Einleitung von Amtsenthebungsverfahren (Impeachment). 

 

Der Senat bildet sich als föderal gleichgewichtete Kammer mit 100 Mitgliedern, wobei jeder Bundesstaat ungeachtet seiner Grösse zwei Sitze stellt. Die sechsjährige Amtszeit der Senatorinnen und Senatoren sowie der Austausch rund eines Drittels der Sitze alle zwei Jahre verleihen eine grössere personelle Stabilität. Seine wesentlichsten Aufgaben sind die Bestätigung von Regierungsmitgliedern und Bundesrichtern sowie die Entscheidung über die endgültige Durchführung von Amtsenthebungsverfahren. 

 

Dieses Machtgefüge wird durch das Vetorecht des Präsidenten ergänzt, der vom Kongress verabschiedete Gesetze blockieren kann. Die Aufhebung eines solchen Vetos des US-Präsidenten erfordert eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern.

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Die strategische Bedeutung der Midterms

Die US-Zwischenwahlen finden zur Halbzeit einer Präsidentschaft statt. Dabei werden sämtliche Sitze im Repräsentantenhaus sowie rund ein Drittel der Sitze im Senat neu gewählt. Aufgrund ihrer Auswirkungen auf die politischen Mehrheiten im Kongress und damit auf wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, Regulierungen sowie den Handlungsspielraum der öffentlichen Hand, zählen sie zu den bedeutendsten politischen Ereignissen in den USA. Historisch verliert die Partei des amtierenden Präsidenten bei den Midterms häufig Sitze im Kongress. Entsprechend stehen diese Wahlen im Fokus der Politik und den globalen Aktienmärkten. Eine Verschiebung der Mehrheitsverhältnisse erschwert es dem US-Präsidenten, seine politische Agenda in der verbleibenden Amtszeit durchzusetzen und erhöht die Wahrscheinlichkeit eines politischen Stillstands. 

 

Dies gilt auch mit Blick auf die kommenden Midterms. Trump steht innenpolitisch zunehmend unter Druck und seine Zustimmungswerte in der Wählerschaft sind zuletzt gesunken. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass er bis zu den Wahlen verstärkt Massnahmen ergreifen dürfte, um Wählerunterstützung zurückzugewinnen. Sollte er hingegen von einem Verlust der Mehrheitsverhältnisse im Kongress ausgehen und damit eine Niederlage bei den Midterms antizipieren, dürfte der Fokus darauf liegen, zentrale Elemente seiner Agenda noch vor den Wahlen voranzubringen. 

 

Unabhängig davon, ob Trumps Fokus auf der Mobilisierung der Wählerschaft oder auf der Durchsetzung zentraler politischer Vorhaben liegt, ist mit anhaltender politischer Unruhe zu rechnen, die ein wesentlicher Treiber der Marktvolatilität sein dürfte.

Aktienmärkte im Umfeld von Midterms

Die Kapitalmärkte folgen im Umfeld von Midterms häufig einem wiederkehrenden Verhaltensmuster. So war am US-Aktienmarkt, gemessen am S&P 500, im Vorfeld der Midterms häufig eine Phase erhöhter Volatilität zu beobachten. Zudem lässt sich auch in der Renditeentwicklung ein konsistentes Muster erkennen: In den zwölf Monaten vor den Wahlen erzielten US-Aktien seit 1980 im Durchschnitt rund 8,7%, während die Renditen in den darauffolgenden zwölf Monaten bei etwa 17,5% lagen.

 

Diese verhaltene Entwicklung und erhöhte Marktvolatilität im Vorwahljahr ist dabei weniger Ausdruck substanzieller Veränderungen der fundamentalen Daten als vielmehr Folge temporär erhöhter politischer Unsicherheit. Eine eingeschränkte Visibilität hinsichtlich Regulierung, Steuerpolitik und fiskalischer Prioritäten erschwert die Bewertung zukünftiger Cashflows und führt zu erhöhten Risikoabschlägen. Entscheidend ist jedoch, dass sich diese Effekte primär über die Risikowahrnehmung der Anleger entfalten und nicht über nachhaltige Veränderungen der realwirtschaftlichen Ertragskraft. 

 

Die Midterms sind damit weniger als fundamentaler Wendepunkt zu verstehen, sondern vielmehr als Übergangsphase, in der politische Risiken neu bewertet werden. Mit dem Abklingen der politischen Unsicherheit nach dem Wahlereignis sinken die Risikoaufschläge typischerweise, was zu einer Normalisierung der Bewertungsniveaus führt. Diese höhere politische Planbarkeit bildet die Grundlage für die historisch überdurchschnittliche Renditeentwicklung in der Nachwahlphase.

Implikation für Anlegerinnen und Anleger

Politische Ereignisse wie die Midterms erhöhen zwar kurzfristig die Unsicherheit und können temporär auf das Kursniveau drücken, sie stellen jedoch selten einen nachhaltigen Wendepunkt für die fundamentale Ertragskraft der Unternehmen dar. Für Anlegerinnen und Anleger bleibt es daher zentral, politisch getriebene Marktschwankungen, wie sie im Umfeld der Midterms auftreten, klar von langfristigen Werttreibern zu trennen, die weiterhin durch Gewinnwachstum und strukturelle Faktoren bestimmt werden. Der langfristige Anlageerfolg entsteht nicht durch das Timing politischer Ereignisse, sondern durch die konsequente Ausrichtung auf strukturelle Themen und Trends.

 

Kaspar Bürge und Mahir Calhan

 

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