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Anlagekommentar

Der KI-Hype: Wiederholt sich die Geschichte?

Technologie und künstliche Intelligenz prägen die Märkte. Kurt Boss ordnet die aktuelle Bewertungslage ein und vergleicht sie mit der Dotcom-Phase, mit Blick auf Chancen und Risiken für Anlegerinnen und Anleger.

10 Min.

KI-Blase
Rückblick: Internetunternehmen im Aufschwung

Die Entwicklung bahnbrechender Technologien hat den Finanzmarkt immer wieder vor Herausforderungen gestellt – und oft Chancen sowie Risiken geschaffen. Eine der markantesten Episoden der Wirtschaftsgeschichte war zweifellos die Dotcom-Blase der späten 1990er und frühen 2000er Jahre. Damals erklommen die Aktien von Internetunternehmen in einem bis dato unbekannten Tempo immer neue Kurshöhen, getrieben von der Euphorie über die neue Technologie.

Von der Dotcom-Euphorie zur Ernüchterung

Ich erinnere mich noch gut an diese Zeit. Das sogenannte «FOMO» (Fear of Missing Out), also die Angst, den Kursanstieg zu verpassen, ergriff die Anlegerinnen und Anleger, und zum Schluss wurde nahezu jede Rationalität abgelegt. Es wurde alles gekauft, was nur ansatzweise mit dem Internet in Verbindung stand oder ein «.com» im Namen hatte. 

 

Doch wie so oft bei wegweisenden Innovationen führte die ausgelöste Goldgräberstimmung zu massiven Überbewertungen vieler Unternehmen, die auf unrealistischen Erwartungen beruhten. Der weitere Verlauf ist Geschichte: Der dramatische Börseneinbruch im Frühjahr 2000 markierte den Beginn einer längeren und schmerzhaften Marktphase.

Das Internet als langfristiger Gewinner

Nach dem Platzen der Blase erlebte das Internet allerdings eine massive Expansion und transformierte die Wirtschaft und Gesellschaft. Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook etablierten sich als globale Giganten und veränderten nicht nur die Geschäftswelt, sondern auch unseren Alltag.

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Künstliche Intelligenz als neuer technologischer Wendepunkt

Heute stehen wir erneut vor einem technologischen Durchbruch, der das Potenzial hat, ähnlich tiefgreifende Veränderungen zu bewirken: Künstliche Intelligenz (KI). KI-Systeme, die Aufgaben übernehmen können, die einst nur Menschen vorbehalten waren, versprechen, Industrien zu revolutionieren – vergleichbar wie das Internet vor zwei Jahrzehnten. 

 

Ein markanter Wendepunkt war der Start von ChatGPT im November 2022. Mit seiner Fähigkeit, natürliche Sprache zu verstehen und zu generieren, katapultierte dieser KI-basierte Chatbot die Technologie in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. KI ist mittlerweile in vielen Bereichen präsent und verändert die Art und Weise, wie wir mit Maschinen interagieren.

Ein neuer Zyklus der Euphorie

Wie damals hat sich mittlerweile auch um KI ein regelrechter Hype gebildet, welcher seit einiger Zeit insbesondere die US-Technologieaktien erfasst und zu starken Kurssteigerungen sowie einer Expansion der Bewertungen geführt hat. Die heissdiskutierte Frage, die sich derzeit viele Experten stellen, ist, ob wir uns in einer neuerlichen Blase befinden und ob diese bald platzen wird.

Fundamentale Unterschiede zur Dotcom-Zeit

Trotz der zahlreichen Ähnlichkeiten gibt es auch Unterschiede zur damaligen Zeit. Ein wesentlicher ist die fundamentale Stärke der grossen Technologieunternehmen von heute. Im Gegensatz zu unzähligen Firmen der Dotcom-Ära, die oft noch in den Kinderschuhen steckten, erwirtschaften die heute führenden Technologieunternehmen Milliardengewinne. Sie haben sich als wirtschaftlich resilient erwiesen und erzielen kontinuierliches Wachstum.

 

Die Bewertung des Technologiesektors offenbart ebenfalls Unterschiede zu damals. Zwar ist diese heute über dem historischen Durchschnitt, doch liegt sie immer noch ein gutes Stück unter den extremen Höchstständen, die wir zu Zeiten der Dotcom-Euphorie gesehen haben. Dies lässt sich mit dem nachhaltigen Gewinnwachstum der letzten Jahre und der steigenden Marktreife der führenden Technologieunternehmen rechtfertigen. 

 

Zudem hat sich die Technologiebranche längst als zentrale treibende Kraft in der globalen Wirtschaft etabliert, was nicht nur ihre Stabilität unterstreicht, sondern auch ihre Langfristigkeit und die Fähigkeit zur Innovation über mehrere Geschäftszyklen hinweg. Diese Faktoren lassen die aktuellen Bewertungen zwar hoch erscheinen, bieten aber eine solidere Grundlage als es bei der Internet-Blase der Fall war.

Das Zinsumfeld als zusätzlicher Bewertungsfaktor

Zudem spielt auch das aktuelle Zinsumfeld eine wichtige Rolle. So erhöhte die US-Notenbank unter Alan Greenspan in der Dotcom-Ära die Zinsen, um eine Überhitzung der Wirtschaft vorzubeugen und die Inflation zu bremsen. Heute jedoch befinden wir uns in einem Zinssenkungszyklus, womit sich die aktuelle Bewertung auch unter diesem Aspekt relativiert und weniger überzogen ist.

Warnsignale, Skepsis und Marktdynamik

Die warnenden Stimmen, die seit geraumer Zeit vor einem bevorstehenden Ende der KI-Euphorie warnen, haben sich in den letzten Wochen weiter verstärkt. Dieses zunehmende Misstrauen könnte als Contrarian-Signal verstanden werden – also als Stimmungsindikator, der gerade wegen der breiten Skepsis darauf hindeutet, dass ein Trend noch nicht am Ende sein muss. Historisch zeigt sich zudem, dass Märkte vor dem Platzen einer Blase typischerweise eine Phase grenzenlosen Überschwangs durchlaufen. Eine solche Dynamik ist derzeit (noch) nicht zu erkennen.

 

Zwar steigt der US-Technologiesektor seit Jahren kraftvoll, doch eine exponentielle Beschleunigung wie kurz vor dem Höhepunkt der Internet-Euphorie ist bisher ausgeblieben. Gleichzeitig gilt: Märkte können oft länger und stärker steigen, als viele erwarten – insbesondere dann, wenn die Mehrheit bereits vor einem Ende warnt.

Fazit: Chancenreiches Anlagethema mit erhöhtem Korrekturrisiko

Die heutige Marktsituation unterscheidet sich in wichtigen Punkten von jener zur Zeit der Internet-Euphorie: Die grossen Technologieunternehmen verfügen über robuste Geschäftsmodelle, starke Marktstellungen, sind enorm profitabel und erzielen nachhaltige Gewinne, die eine solidere Basis für weiteres Wachstum bilden.

 

Trotzdem lassen sich die Parallelen nicht übersehen: ein ausgeprägter Hype, hohe Erwartungen und steigende Bewertungen, die berechtigte Fragen aufwerfen. Besonders die milliardenschweren Investitionen in KI und das regelrechte Wettrüsten um die technologische Vorherrschaft nähren Zweifel an der langfristigen Rentabilität – all dies sind Signale, die seit einiger Zeit für eine Blasenbildung sprechen. Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.

 

Mit weiter steigenden Kursen dürfte somit auch hier die Wahrscheinlichkeit einer spürbaren Korrektur zunehmen. Ob und wann diese Blase platzt, lässt sich nicht vorhersagen. Deshalb richten wir unseren Blick auf das, worauf wir eine fundamentale Überzeugung haben: Der strukturelle Trend Technologie und Künstliche Intelligenz bleibt aus unserer Sicht langfristig als Anlagethema interessant – im Bewusstsein, dass der Weg nicht geradlinig, sondern von teils spürbaren Schwankungen geprägt sein wird.

 

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Kurt Boss

Senior Portfolio Manager

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