Diese Entwicklung verändert das Anlageverhalten tiefgreifend. Nominalwerte, die über Jahrzehnte als sicher galten, verlieren an Attraktivität. Kapital sucht zunehmend Schutz in Sachwerten – in Anlagen mit Substanz, realer Ertragskraft oder begrenztem Angebot. Aktien profitieren langfristig vom realen Wachstum und der Preissetzungsmacht von Unternehmen, Immobilien vom Nutzwert und der Knappheit an guten Lagen. Besonders auffällig ist jedoch die Entwicklung der Edelmetalle. Gold notiert nahe historischer Höchststände, Silber hat sich ebenfalls massiv verteuert.
Beides ist Ausdruck eines schwindenden Vertrauens in die Stabilität der Geldordnung. Gold erfüllt in dieser Gemengelage gleich mehrere Funktionen: Es ist Wertspeicher, Inflationsschutz und Symbol des Misstrauens gegenüber der Fähigkeit der Politik, die Schuldenproblematik geordnet zu lösen. Wenn die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik erodiert, steigt die Bereitschaft, Vermögen in physische, nicht beliebig vermehrbare Güter zu verlagern. Silber wiederum profitiert zusätzlich von seiner industriellen Bedeutung – etwa im Zuge der Energiewende – und verbindet so den Charakter eines Sachwerts mit realwirtschaftlicher Nachfrage.
Sollte es den Staaten gelingen, ihre Finanzen zu stabilisieren und das Vertrauen in die Geldpolitik zu bewahren, könnte sich das Umfeld allmählich normalisieren. Doch wahrscheinlicher ist ein Szenario, in dem Schuldenfinanzierung, Inflation und finanzielle Repression schrittweise an Gewicht gewinnen. In einer solchen Welt bleiben Sachwerte – insbesondere Aktien, Immobilien und Edelmetalle – der verlässlichste Schutz vor der stillen Entwertung nominaler Vermögen.
*Teile dieses Kommentars basieren auf Analysen aus «The Economist», insbesondere den Artikeln “Across the rich world, fiscal crises loom” und “The case against holding bonds” (Ausgabe Oktober 2025)