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Anlagekommentar

Drohende Schuldenkrise und wie sie (nicht) abgewendet werden kann

Die Schuldenberge der Industrieländer wachsen – echte Reformen bleiben aus. Inflation und finanzielle Repression werden zunehmend zum stillen Instrument der Entschuldung. Erfahren Sie im nachfolgenden Beitrag, warum reale Werte wie Aktien, Immobilien und Edelmetalle an Attraktivität gewinnen.

10 Min.

Wachsendes Haushaltsdefizit

Die Staatsfinanzen der Industrieländer gelangen zunehmend aus dem Lot. Nach Jahren expansiver Fiskalpolitik, Krisenbewältigung und wachsender Sozialausgaben türmen sich Schuldenberge, wie sie seit den Napoleonischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts nicht mehr gesehen wurden. Die durchschnittliche Schuldenquote der Industrieländer liegt heute bei rund 110% des Bruttoinlandprodukts (BIP). 

 

Doch im Unterschied zu früher fehlt heute der politische Wille, diese Last durch langjährige Sparprogramme abzubauen. Frankreich ringt mit Reformen, Japan mit permanenter Neuverschuldung, Grossbritannien mit wachsenden Haushaltslöchern – und in den USA drohen neue Steuersenkungen das bereits massive Defizit weiter auszuweiten. Im Durchschnitt liegt das Haushaltsdefizit der Industrieländer allein in diesem Jahr bei über 4% des BIP, in den USA gar bei über 6%.

Ausgabenkürzungen oder höhere Steuern?

Die langfristigen Perspektiven zeichnen ein ähnliches Bild. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass allein in Europa steigende Ausgaben für Zinsen, Renten, Gesundheit, Verteidigung und Klimaschutz bis 2050 einen zusätzlichen jährlichen Budgetdruck von fast 6% des BIP verursachen werden – in der Schweiz, Grossbritannien, Spanien und Portugal sogar über 8%. 

 

Damit stellt sich die Frage, wie hochverschuldete Staaten diesen finanziellen Druck überhaupt bewältigen können. Historisch gab es verschiedene Wege, um hohe Schuldenberge zu reduzieren: Ausgabenkürzungen, starkes Wirtschaftswachstum, höhere Steuern, Zahlungsausfälle der Staaten oder Inflation. Schauen wir uns die einzelnen Möglichkeiten an.

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Zwischen Reformstau, Schulden und Teuerung

In politischen Systemen, in welchen Politikerinnen und Politiker nur für wenige Jahre gewählt werden und danach erneut auf die Gunst der wählenden Bevölkerung angewiesen sind, sind echte Reformen rar. Ausgabekürzungen werden dadurch wie die heisse Kartoffel lieber nicht angefasst. Ein Beispiel dafür ist die Überalterung der Gesellschaft, welche wie ein schleichender Kostentreiber wirkt. 

 

In der Schweiz beispielsweise bleibt die Zahl der Erwerbstätigen dank Zuwanderung und hoher Erwerbsquote vorerst stabil, doch ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nimmt ab. Damit wächst die finanzielle Belastung pro erwerbstätige Person, während die Renten- und Gesundheitsausgaben überproportional steigen. Zugleich ist die ältere Bevölkerungsgruppe politisch mächtig – Reformen, die Leistungen kürzen oder das Rentenalter erhöhen würden, gelten als unpopulär.

Ein stärkeres Wirtschaftswachstum führt häufig zu höheren Zinsen

Auf starkes Wirtschaftswachstum allein zu setzen, wäre wohl Wunschdenken. Zwar könnte künstliche Intelligenz langfristig die Produktivität steigern, doch mit wachsendem Wohlstand steigen meist auch Löhne, Renten und Gesundheitskosten. Hinzu kommt: Ein stärkeres Wirtschaftswachstum führt häufig zu höheren Zinsen, was die Schuldenlast zusätzlich verteuert – der erhoffte Wachstumseffekt verpufft rasch. Damit bleiben am Ende nur drei Optionen: höhere Steuern, Zahlungsausfälle oder Inflation.

Je höher der Steuersatz, desto grösser der Schaden für die Wirtschaft

In einigen Ländern sind Steuererhöhungen durchaus denkbar – zumindest theoretisch. Die USA weisen im internationalen Vergleich eine geringe Steuerbelastung auf und erheben bis heute keine landesweite Mehrwertsteuer. Dennoch ist eine substanzielle Erhöhung der Abgaben dort politisch kaum durchsetzbar: Die republikanische Partei würde einer solchen Massnahme nur im Zuge einer akuten Finanzkrise zustimmen. In Europa ist die Lage politisch etwas günstiger, fiskalisch jedoch schwieriger. Zwar sind Steuererhöhungen hier kein gesellschaftliches Tabu, doch die Abgabenlast ist bereits sehr hoch. 

 

In Frankreich beispielsweise schöpft der Staat rund 52% der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP) ab – mehr als in fast allen anderen Industrieländern. Ökonomisch gilt: Je höher der Steuersatz, desto überproportional grösser der Schaden für die Wirtschaft. Weitere Steuererhöhungen könnten daher das Wachstum abwürgen, statt die Haushalte zu sanieren. Japan nimmt eine Mittelposition ein – die Steuerlast ist niedriger als in Europa, die Haushaltslage etwas stabiler, doch die Schulden sind so hoch, dass selbst moderate Zinsanstiege das Land empfindlich treffen könnten.

Droht der Zahlungsausfall?

Ein offizieller Zahlungsausfall ist für Industrieländer, die ihre Schulden in der eigenen Währung aufnehmen, dennoch kaum vorstellbar. Sie könnten im Notfall neues Geld drucken, um ihre Verpflichtungen zu bedienen – ein Schritt, der zwar inflationär wirken, aber eine Staatspleite abwenden würde. Damit rückt Inflation als einzig realistische Option in den Vordergrund: eine schleichende Entwertung der Schulden durch anhaltend höhere Teuerung.

Finanzielle Repression

Zentralbanken spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Sie halten inzwischen grosse Mengen an Staatsanleihen und beeinflussen damit die Zinsentwicklung direkt. Bleiben die Zinsen tiefer als die Inflationsrate, sinkt der reale Wert der Schulden – die Staaten können ihre Verpflichtungen über die Zeit «weginflationieren». Dieses Vorgehen ist nicht neu. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg funktionierte die finanzielle Repression erstaunlich gut: Mit moderater Inflation, Kapitalverkehrskontrollen und niedrigen Realzinsen gelang es den westlichen Staaten, ihre Schuldenquoten massiv zu senken. Ähnliches wiederholte sich in den 1970er Jahren, als Inflationserwartungen ausuferten und nominale Anlagen wie Anleihen und Sparguthaben an realem Wert verloren.

 

Finanzielle Repression wirkt im Kern wie eine versteckte Steuer auf Ersparnisse – politisch leichter durchzusetzen als offene Steuererhöhungen, aber mit weitreichenden Nebenwirkungen. Sie schwächt das Vertrauen in Papiergeld, verzerrt Kapitalallokation und begünstigt Schuldner gegenüber Gläubigern. Für Anleger bedeutet sie eine stille Umverteilung des Vermögens: von Sparern zu Eigentümern realer Werte, von Besitzern von Anleihen zu Aktionären und Immobilienbesitzern.

Gold glänzt, wenn Vertrauen verblasst

Diese Entwicklung verändert das Anlageverhalten tiefgreifend. Nominalwerte, die über Jahrzehnte als sicher galten, verlieren an Attraktivität. Kapital sucht zunehmend Schutz in Sachwerten – in Anlagen mit Substanz, realer Ertragskraft oder begrenztem Angebot. Aktien profitieren langfristig vom realen Wachstum und der Preissetzungsmacht von Unternehmen, Immobilien vom Nutzwert und der Knappheit an guten Lagen. Besonders auffällig ist jedoch die Entwicklung der Edelmetalle. Gold notiert nahe historischer Höchststände, Silber hat sich ebenfalls massiv verteuert. 

 

Beides ist Ausdruck eines schwindenden Vertrauens in die Stabilität der Geldordnung. Gold erfüllt in dieser Gemengelage gleich mehrere Funktionen: Es ist Wertspeicher, Inflationsschutz und Symbol des Misstrauens gegenüber der Fähigkeit der Politik, die Schuldenproblematik geordnet zu lösen. Wenn die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik erodiert, steigt die Bereitschaft, Vermögen in physische, nicht beliebig vermehrbare Güter zu verlagern. Silber wiederum profitiert zusätzlich von seiner industriellen Bedeutung – etwa im Zuge der Energiewende – und verbindet so den Charakter eines Sachwerts mit realwirtschaftlicher Nachfrage.

 

Sollte es den Staaten gelingen, ihre Finanzen zu stabilisieren und das Vertrauen in die Geldpolitik zu bewahren, könnte sich das Umfeld allmählich normalisieren. Doch wahrscheinlicher ist ein Szenario, in dem Schuldenfinanzierung, Inflation und finanzielle Repression schrittweise an Gewicht gewinnen. In einer solchen Welt bleiben Sachwerte – insbesondere Aktien, Immobilien und Edelmetalle – der verlässlichste Schutz vor der stillen Entwertung nominaler Vermögen.

 

*Teile dieses Kommentars basieren auf Analysen aus «The Economist», insbesondere den Artikeln “Across the rich world, fiscal crises loom” und “The case against holding bonds” (Ausgabe Oktober 2025)

 

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Adrian Wildhaber

Portfolio Manager

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